Sabine W. (58) und Uwe W. (65) tauschten ihre Bürostühle bei einem amerikanischen Großkonzern gegen zwei Sättel und die Ungewissheit der Straße. Was als „Projekt 2017“ begann, ist heute – fast ein Jahrzehnt später – ein Leben voller Wunder, Schlaglöcher und der Erkenntnis, dass die Welt viel besser ist als ihr Ruf.
„Wir haben viele Jahre […] gespart, um zu dem Tag X zu kommen, aber trotzdem ist da immer etwas, das einen davon abhält, einfach loszureisen“, erzählt Sabine im Gespräch. Es ist das klassische Hamsterrad. Man wartet auf den perfekten Zeitpunkt, auf die Rente, auf die absolute Sicherheit. „Unser Sicherheitsdenken blockierte uns in unserer Kreativität“, schreiben sie auf ihrem Blog Glorypedalling.
Doch dann kam das Schicksal in Form einer Umstrukturierung. Ihr Arbeitgeber bot Abfindungen für Freiwillige an. Für andere vielleicht ein Grund zur Sorge, für die beiden das Startsignal für ein neues Leben.
„Da habe ich sofort den Finger gehoben und gesagt: Ich bin weg!“, erinnert sich Sabine lachend. „Bei mir war das ähnlich, und dann passte das alles wunderbar“, ergänzt Uwe. Aus dem Traum wurde ein Plan. Aus der Angst wurde Aufbruch.
Die Welt ist kein gefährlicher Ort
Wer in Deutschland lebt, wird oft vor der Welt gewarnt. „Fahrt nicht nach Mexiko, das ist gefährlich!“ – „Meidet den Kosovo!“ – „Passt an der Grenze auf!“ Diese Sätze hatten auch Sabine und Uwe im Gepäck, als sie aufbrachen. Doch Kilometer für Kilometer bröckelte der Panzer aus Vorurteilen ab und entblößte etwas, das in den Nachrichten oft fehlt: Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft von Fremden.
Eine Geschichte ist den beiden besonders im Gedächtnis geblieben. Sie spielt vor einem kleinen Supermarkt irgendwo im ländlichen Amerika. Es wurde dunkel, sie brauchten einen Schlafplatz. Der Besitzer des Ladens kam heraus.
„Er fragte: Wo schlaft ihr denn heute Abend? Wir sagten, wir fahren noch 10 Kilometer raus und suchen uns einen Platz fürs Zelt. Da sagte er: ‚Ich habe hier auch ein Gästehaus, ich rufe mal eben meine Frau an.‘“
Was dann passierte, klingt fast wie ein Märchen aus einer vergangenen Zeit: „Die Frau stand schon in der Tür und sagte: ‚Hier ist der Schlüssel, Bier steht im Kühlschrank, habt einen schönen Abend.‘ Solche Geschichten haben wir häufiger erlebt“, erzählt Uwe.
Ob in den USA, im Kosovo oder in Zentralasien – überall machten sie dieselbe Erfahrung. Die Menschen, vor denen sie gewarnt wurden, waren genau jene, die sie zum Essen einluden oder ihnen ein Bett anboten. „Wir haben noch nie eine Situation gehabt, die gefährlich war oder wo uns jemand Böses gewollt hätte“, resümiert Sabine. „Ich glaube, wir vergessen manchmal einfach, wie gut die Menschen sind.“
Liebe auf vier Quadratmetern: Die härteste Arbeit der Reise
Doch die größte Herausforderung auf einer Langzeitreise ist oft nicht der steile Pass oder der platte Reifen. Es ist der Mensch, der neben einem fährt. Seit über 20 Jahren sind Sabine und Uwe ein Paar, seit 17 Jahren verheiratet. Aber 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, oft auf engstem Raum im Zelt – das ist der ultimative Belastungstest für jede Beziehung.
„Das ist ein Prozess, den man durchlaufen muss“, gibt Uwe offen zu. „Wenn du irgendwo auf dem Berg weit weg von der Zivilisation bist und plötzlich Stress hast, kannst du ja nicht sagen: Ich gehe jetzt.“
Ihr Erfolgsgeheimnis? Kommunikation – und zwar sofort. „Man muss immer alles gleich ansprechen, nicht schlucken. Irgendwann platzt es sonst aus einem raus, und dann ist es zu spät“, erklärt Uwe.
Dabei hilft es, dass sie sich perfekt ergänzen. Wenn Sabine vor Problemen steht und zweifelt, kommt Uwes Superkraft zum Einsatz: seine unerschütterliche Ruhe. „Er ist immer positiv, immer ruhig. Er strahlt diese Gelassenheit aus: ‚Alles wird gut‘. Das beruhigt mich dann wieder“, sagt Sabine. Umgekehrt sorgt sie mit ihrem Blick für Planung und Sicherheit dafür, dass Uwes Gelassenheit nicht im Chaos endet. Es ist eine Arbeit, die sie jeden Tag leisten – und die sie als Team unschlagbar macht. „Für mich wäre das Alleinreisen nichts“, sagt Sabine. „Wir reisen sehr gern zusammen.“
Wurzeln und Flügel: Warum die leere Wohnung sein muss
Trotz aller Abenteuerlust sind die beiden keine heimatlosen Nomaden. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, eine Basis in Deutschland zu behalten. Eine Wohnung, die die meiste Zeit des Jahres leer steht. Unwirtschaftlich? Vielleicht. Psychologisch notwendig? Absolut.
„Das hat den Vorteil: Wir können jederzeit zurückkommen“, erklärt Uwe. Es ist das Sicherheitsnetz, das den freien Fall in das Abenteuer erst genussvoll macht. Doch Heimweh? Das kennen die beiden kaum. „Wir haben beide mehr Fernweh als Heimweh“, sagt Sabine. „Ich bin zwei Wochen zu Hause, habe die Familie und den Freundeskreis gesehen, alle Geschichten gehört – und dann könnte es für mich schon wieder losgehen.“
Und genau das tut es auch. Das „Sesshaftwerden“ fällt schwer, wenn man einmal die Freiheit geschmeckt hat. Aktuell sind sie seit ein paar Monaten in Deutschland – eine Zwangspause, weil Sabine eine Reise durch Zentralasien aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste. Doch die Taschen sind gedanklich schon wieder gepackt.
2026: Neue Räder, neue Kontinente
Wer glaubt, dass Sabine und Uwe nach all den Jahren müde werden, irrt gewaltig. Für das Frühjahr 2026 steht bereits der nächste große Plan: Es geht nach Marokko. Danach weiter nach Frankreich, und im Herbst Kirgistan. „Wir müssen unbedingt nach Kirgistan“, betont Sabine. Der Hunger auf die Welt ist noch lange nicht gestillt. Südamerika steht auf der Liste, Südostasien, China, Oman, Saudi-Arabien und irgendwann – wenn die politische Lage es zulässt – der Iran.
Der Mut zum ersten Schritt
Wenn man Sabine und Uwe zuhört, wirkt alles so selbstverständlich. Doch sie wissen genau, wie schwer der erste Schritt ist. Ihr Rat an alle, die noch zögern? Nicht alles zerdenken. Die Angst vor der Unsicherheit ist meistens größer als die Unsicherheit selbst.
Sie haben gelernt: Pläne sind gut, aber das Leben passiert dazwischen. Mal muss man eine Tour abbrechen, weil der Körper streikt. Mal landet man statt im Zelt in einer Villa in der Schweiz, weil jemand einen über Social Media eingeladen hat.
Unsere Empfehlung:
Sabine und Uwe bloggen seit Jahren über ihre Reisen. Ihr Stil ist dabei erfrischend anders: Weniger Selfies, mehr Substanz. Sie tauchen tief in die Kultur, Wirtschaft und Geschichte der Länder ein, die sie bereisen. Wer echte Geschichten statt gefilterter Realität sucht, findet sie auf glorypedalling.com.