Bernd Schadowski auf Reisen

Vom Banker zum Rad-Nomaden: Das ist Bernd Schadowski


Bernd Schadowski sitzt an seinem Schreibtisch im heimatlichen Jülich. Neben ihm dampft eine Tasse Kaffee. Auf dem Monitor leuchten die leeren Eingabefelder diverser Jobportale. Es ist der Spätsommer 2019. Eigentlich ist dies der Moment, in dem der damals 46-Jährige nach einer Auszeit wieder in sein altes, geregeltes Leben zurückkehren soll.

Zwanzig Jahre lang hatte er in einer großen Bank gearbeitet, zuletzt das Online-Banking geleitet. Ein Mann, der mit seinem Projektteam extrem getaktet war, der Pläne entwarf und diese ohne Wenn und Aber durchzog. Die Karriere bot Sicherheit, Struktur und Vorhersehbarkeit. Doch an diesem Morgen drückt er nicht auf „Bewerbung absenden“. Er starrt auf den Bildschirm und spürt einen tiefen, inneren Widerstand.

Er kommt gerade von einer 8.300 Kilometer langen Fahrradtour um die Ostsee zurück. Dreieinhalb Monate im Zelt. Dreieinhalb Monate, die sein inneres Koordinatensystem völlig verschoben haben.

„Ich saß da und dachte: Das fühlt sich falsch an. Das Leben muss doch noch etwas anderes zu bieten haben.“

Er klappt den Laptop zu. Der bewusste Abschied von vertrauter Sicherheit. Heute, fast sechs Jahre später, ist der 53-Jährige Blogger (@Radreiseglück), Autor und Markenbotschafter. Er hat den Anzug endgültig gegen die Regenjacke und das Büro gegen die Weite Nordeuropas getauscht. Der Weg dorthin war jedoch keine romantische Kurzschlussreaktion, sondern begann mit einer simplen Frage seines Sohnes.

© Radreiseglück

Der Funke und der dunkle Tag in Riga

Alles nimmt seinen Anfang mit dem Abitur seines Sohnes. Nach kleineren, mehrtägigenn Radtouren in der Vergangenheit stellt er eine Frage in den Raum, die einen Traum weckt: „Papa, sollen wir nicht mal eine richtig große Tour machen?“

Dieser Satz ist die Initialzündung. Sie entscheiden sich für die Umrundung der Ostsee und verknüpfen das Vorhaben mit einem karitativen Zweck. Für jeden gefahrenen Kilometer sammeln sie Spenden für die Bildung bedürftiger Kinder auf Sri Lanka. Aus dem Abenteuer wird eine Mission. Jeden Morgen das Spendenkonto zu prüfen und die wachsende Solidarität von Freunden, Bekannten und völlig Fremden zu sehen, gibt Bernd eine Sinnhaftigkeit, die ihm im Bankenwesen oft gefehlt hat. Am Ende der Tour wurden beeindruckende 5.400 Euro gesammelt.

Doch die Tour fordert auch ihren Tribut. Nach rund einem Monat und 2.000 gemeinsam gefahrenen Kilometern fällt in der lettischen Hauptstadt Riga eine Entscheidung, die Bernd den Boden unter den Füßen wegzieht: Sein Sohn bricht die Tour ab und fährt nach Hause. Auf seinem Blog nennt er diesen Moment später den „Schwarzer Mittwoch im schönen Riga“. Er muss nicht nur die körperliche Erschöpfung bewältigen, sondern vor allem die mentale Lücke, die sein Sohn hinterlässt.

Angeschlagen steht er vor der Wahl: Abbruch oder Aufbruch? Er erinnert sich an die bereits gesammelten Spenden und entscheidet sich für den Weg nach vorn. Alleine.

Die Lektionen der Landstraße und die verpasste Waffel

Diese Einsamkeit zwingt ihn zur Öffnung. In Estland, völlig demotiviert und auf der Suche nach einem Schlafplatz, steht er in Pärnu vor einem heillos überfüllten Campingplatz. Keine Chance auf ein freies Stück Rasen. Resigniert lässt er sich vor einer kleinen Pizzeria nieder. Er ahnt nicht, dass dieser Moment der vollkommenen Planlosigkeit ein Zeichen des Universums schickt. Ein einheimisches Ehepaar beobachtet ihn, man kommt ins Gespräch – und am Ende bieten ihm die Fremden völlig selbstverständlich ihren eigenen Garten für sein Zelt an. Und mehr noch, es entsteht eine wundervolle Freundschaft.

Es sind exakt diese ungeschönten Begegnungen, die Bernds Verständnis von Kontrolle und Vertrauen umkrempeln. Er lernt, dass Pläne auf dem Fahrrad nur grobe Skizzen sind und die Angst vor dem Unbekannten meist unbegründet ist.

„Die Lösung für Probleme ist eigentlich immer schon da. Du kennst sie nur noch nicht.“

Auch die Erkenntnis, nicht immer starr an Projektzielen zu hängen, musste er sich hart erarbeiten. Er erinnert sich nur zu gut an einen sonnigen Tag in Schweden. Er hatte sich fest in den Kopf gesetzt, die tägliche 100-Kilometer-Marke zu knacken. Als ihm auf dem Weg ausgewanderte Deutsche Gesellschaft und frische Waffeln anboten, lehnte er ab. Er strampelte weiter, erreichte sein starres Tagesziel – und bereute es im Nachhinein. Er hatte die Kilometer gewonnen, aber die Geschichte verloren.

Diese Lektion wird zu seinem neuen Kompass. Er lernt, unerwartete Abzweigungen des Lebens einfach anzunehmen.

Zu dritt ans Ende der Welt

Aus dem verbissenen Solofahrer ist heute ein bewusster Beobachter geworden. Vier Augen, so resümiert er, sehen einfach mehr als zwei. Das zeigt sich im Jahr 2025, als er zu einer weiteren Extremtour aufbricht. Diesmal ist es eine Reise der Kompromisse. Seine Frau Susanne träumte immer von einem Hund. Bernd träumte vom Radreisen. Die Lösung? Sie verbinden beides.

© Radreiseglück

Vier Monate lang fahren sie gemeinsam durch Finnland und weit über den Polarkreis bis in die Arktis. Hündin Pilar reist im Fahrradanhänger mit. Das hohe Gewicht und die Bedürfnisse des Tieres drosseln das Tempo spürbar auf 65 bis 80 Kilometer am Tag. Der Rhythmus wird weicher, das Erleben der Natur noch feingliedriger.

Gemeinsam lernen sie, sich von touristischen Erwartungen freizumachen. Das berühmte Nordkap streichen sie kurzerhand aus der Route. Ein anderer Bikepacker hatte ihnen abgeraten – zu viel Massentourismus, zu wenig echte Natur. Stattdessen lenken sie ihre Räder nach Vardø, tief in die pure, karge arktische Landschaft. Wochenlang radeln sie durch die unendliche Helligkeit des Polarsommers.

Als ihnen ein samisches Ehepaar anbietet, sie auf einen 120 Kilometer Trip mit dem Auto in die indigene Kultur Norwegens mitzunehmen, werden Gedanken an die Geschichte der abgelehnten Waffel-Einladung wahr. Bernd zögert keine Sekunde, die Fahrräder bleiben stehen. Die Belohnung ist eine tiefe Freundschaft, die bis heute aktuell ist.

Es ist der ultimative Kontrast zu seinem früheren Leben. Er misst den Wert eines Tages nicht mehr in erreichten Meilensteinen, sondern in der Qualität des Moments.

Der Mut zur eigenen Sicherheit

Wenn man Bernd Schadowski heute fragt, wie er diesen Lebensentwurf finanziert, antwortet er ohne jede Romantisierung. Das Leben als Blogger und Autor seines Buches Von der Bank auf den Sattel ist keine Goldgrube, aber ein freies, selbstbestimmtes Dasein. Er kombiniert Einnahmen aus dem Blog, Aufträge von Tourismusverbänden und ehrliche Partnerschaften mit Outdoor-Marken. Ein abbezahltes Haus und ein sparsamerer Lebensstil bilden das finanzielle Fundament.

Viele seiner alten Bank-Kollegen fragten ihn damals verständnislos: „Bist du irre? Wie kannst du diese Sicherheit wegwerfen?“

Bernd hat seine eigene Definition von Sicherheit gefunden. Sie liegt nicht in einer monatlichen Gehaltsabrechnung. Sie liegt in dem gewonnenen Vertrauen darauf, dass sich der Weg weisen wird.

Wo dieser Weg ihn als Nächstes hinführt, lässt er bewusst offen. Wenn er in seinem Arbeitszimmer vor der großen Landkarte steht, beginnt es langsam wieder in den Waden zu kribbeln. Vielleicht geht es bald nach England, um alte Freunde zu besuchen. Vielleicht zieht es ihn an die raue russische Grenze. Der Weg ist das Ziel.

Das ist Bernds stilles Plädoyer an uns alle: Wer spürt, dass sich das eigene Leben gerade wie ein abgelehnter Waffel-Nachmittag anfühlt, der sollte den Mut finden, die Route zu ändern. Manchmal reicht es schon, vom vertrauten Plan abzuweichen – und sich einfach ein Stück treiben zu lassen.

Unsere Empfehlung für den eigenen Aufbruch:

Wer jetzt den Drang verspürt, die Welt wieder etwas mehr vom Sattel aus zu betrachten, dem legen wir Bernds Blog Radreiseglück und sein Buch Von der Bank auf den Sattel wärmstens ans Herz. Ihr müsst dafür nicht gleich den Job kündigen, alles verkaufen oder bis in die Arktis fahren. Manchmal reicht es schon, nach Feierabend mit dem Bike bewusst eine neue, unbekannte Route nach Hause zu wählen. Fahrt einfach los, atmet durch und schaut, wer oder was am Wegesrand auf euch wartet. Das nächste kleine Abenteuer beginnt oft schon an der eigenen Haustür.